Es war die zehnte Reise dieser Art. Bereits seit 2012 reisen Schüler des Hansa-Kollegs in Kooperation mit dem Kulturreferat des Ostpreußischen Landesmuseum Lüneburg in unsere näheren und ferneren osteuropäischen Nachbarländer. Seit Gründung des Campus war dies bereits die vierte Reise nach Polen oder ins Baltikum – an der sich inzwischen auch die Schüler des Abendgymnasiums beteiligen. Und noch eine andere Tradition tut sich auf: Auch das Nordost-Institut an der Universität Hamburg, ebenfalls in Lüneburg ansässig, war nun schon zum zweiten Mal dabei.
Es ging diesmal nach Poznan – eine altehrwürdige Stadt im Westen Polens mit mehr als einer halben Millionen Einwohnern sowie noch einmal 100.000 Studenten. Eine alte und altehrwürdige Stadt – im 10. Jahrhundert erster polnischer Bischofssitz -, die als erste polnische Hauptstadt gilt, in der Altstadt geprägt von wunderschönen Bürgerhäusern –insbesondere rund um den frisch sanierten riesigen Marktplatz, den Stary Rynek – , von barocken Kirchen und von Klöstern. Und gleichzeitig eine junge Stadt, deren Universitäten, allen voran die Adam-Mickiewicz-Universität, Studenten und Akademiker aus aller Herren Länder anzieht.
Von Berlin gerade mal so weit entfernt wie Hamburg, mit dem Zug von Berlin in gerade mal zweieinhalb Stunden erreichbar – und trotzdem kennt sie fast keiner hierzulande. Und auch den wenigstens dürfte bewusst sein, dass Poznan unter dem Namen Posen bis vor gut hundert Jahren eine der westlichsten Großstädte des Deutschen Reichs war, an Preußen und damit an Deutschland gekommen durch die zweite polnische Teilung, die zweite von drei Teilungen, die Polen zwischen 1772 und 1918 als Staat für mehr als hundert Jahre von der Landkarte Europas hatte verschwinden lassen. Posen / Poznan, heute eine rein polnische Stadt, war seinerzeit eine preußisch-deutsche Stadt mit einer ganz überwiegend polnischen Bevölkerung. Und das sehen wir in Poznan auch heute noch auf Schritt und Tritt.
Wir waren eine bunte Gruppe: 12 Schülerinnen und Schüler der Vor- und der Studienstufe. In Begleitung von zwei Lehrern, Sabine Stingl und Holger Wendebourg; von der Kulturreferentin für Ostpreußen und das Baltikum, Agata Kern; von Dr. Anja Wilhelmi, wissenschaftlicher Mitarbeiterin am Nordost-Institut Lüneburg; sowie von PD Dr. Martin Maurach, DAAD-Lektor an der Karls-Universität Prag.
Die Reise beginnt für einige bereits am 7. Juni, Sonntag, mit der Fahrt nach Berlin – wo sich dann spätestens alle am Montagmittag am Hauptbahnhof treffen, um bei herrlichstem Sommerwetter abzufahren in Richtung Poznan. Wir sind früh genug am Ziel, um nach dem Einchecken im Hotel, jeder wie er mag, zu ersten Erkundungen durch die Stadt zu streifen.
Unser Programm beginnt dann am Dienstagmorgen: Eine junge polnische Stadtführerin begleitet uns durch Poznan – und unser Rundgang ist wie eine kleine Zeitreise: Wir starten am ältesten Kern der Stadt, der Dominsel in der Warthe, auf der sich der mächtige Königsdom befindet. Von dort geht es in die historische Altstadt, an den Sray Rynek, das Rathaus und zum Fransziskaner-Kolleg. Und am Nachmittag schließlich in das von deutsch-preußischen Repräsentationsbauten, darunter einem Kaiserschloss, geprägte preußisch-deutsch geprägte Viertel vor dem Bahnhof.
Der zweite Tag startet mit dem Besuch der Universität und dem Beginn eines großen Kongresses, der sich den Kulturbeziehungen zwischen der Republik Polen und der Bundesrepublik Deutschland widmet: „Kultur als Brücke zwischen Polen und Deutschland“. Kein Motto könnte passender sein für unsere zahlreichen Schulreisen nach Polen – auch wenn zwischendurch zugegeben bei einigen etwas Müdigkeit aufkam …
Der Nachmittag hatte es dann in sich. Für die meisten in der Gruppe war der Besuch von Fort VII in einem der östlichen Außenbezirke der Stadt der erste Besuch eines nationalsozialistischen Konzentrationslagers. Und die teilweise heftigen emotionalen Reaktionen zeigten. Wie nahe uns das ging. Es flossen nicht wenige Tränen.
Aber: Wir durften hier auch Bekanntschaft machen mit Jacek Kubiak, einem der Regisseure des Dokumentarfilms „Eine blonde Provinz“, der anhand dreier Schicksale, eines polnischen, eines jüdischen und eines deutschbaltischen, zeigt, was der Überfall Nazi-Deutschlands auf Polen im Jahr 1939 für die Stadt und ihre Bewohner bedeutete. Nichts blieb, wie es war.
Martin Maurach ließ uns am nächsten Morgen teilhaben am Tagebuch seines Vaters, eines in Moskau geboren und später im Baltikum lebenden Mannes, der nach dem Hitler-Stalin-Pakt wie nahezu alle seine deutschbaltischen Mitbürger umgesiedelt und in und um Posen angesiedelt wurde, um die Stadt zu germanisieren. Das Ende kennen wir. Nichts blieb, wie es war.
Und so war es Aufgabe der Schüler am Donnerstagnachmittag, alte Fotos zu nutzen, um eine Spurensuche in der Stadt vorzunehmen: Was stand dort früher – wie sieht es dort heute aus? Denn: Nichts blieb, wie es war.
Und am Freitag noch: Freizeit, Zeit, die Stadt auf eigene Faust zu erkunden, ins Grüne zu gehen, neue Stadtviertel zu entdecken und am Abend bei einem großen gemeinsamen Abendessen traditionelle polnische Küche zu genießen – und uns bei unseren großartigen Begleitern und Organisator*innen – Frau Kern, Frau Wilhelmi und Herrn Maurach – angemessen mit süßen Martinshörnchen und roten Rosen zu bedanken.
Am Samstag schließlich die Heimfahrt. Und Zeit, gleich über nächste Reiseprojekte nachzudenken. Liepaja in Lettland wird 2027 Europäische Kulturhauptstadt. Sollte man da nicht hinfahren …?!
















